Albanien

Faleminderit! Mit der Betonung auf der vorletzten Silbe. Das ist das einzige albanische Wort, das ich mir leicht und schnell merken kann – komisch, ist ja nicht gerade kurz und eine Eselsbrücke fällt mir auch nicht ein. Vielleicht, weil es so oft anzuwenden war? Faleminderit: das heißt danke.

Ein kurzer Flug nach Tirana, und schon sind wir in einer anderen Welt: 13 Wüstenwanderer unterwegs im Land der Skipetaren – ein Begriff, der den Jüngeren unter uns schon gar nicht mehr geläufig ist. Wer liest schon noch Karl May?! Fast alle reisen schon am Vortag an, was uns die entspannte Gelegenheit gibt, ohne Zeitdruck ein Treffen mit der Organisation zu vereinbaren, der wir diesmal die gespendeten Labdoo-Notebooks mitbringen. Die Dream Academy, ein Projekt der Prisonfellowship Albania, fördert Jugendliche aus Familien, in denen ein Elternteil eine Haftstrafe verbüßt und so nicht für den Familienunterhalt sorgen kann.Das Ziel des vierjährigen Programms ist, diesen Jugendlichen den Zugang zu Bildung zu erhalten bzw. zu ermöglichen, sie zu stärken und zu unterstützen, so dass sie ihren eigenen Weg ins Erwachsenen- und Berufsleben gehen können – ein Programm, dass fachliche wie auch persönliche Bildung umfasst. Sechs von ihnen waren bereit, uns von ihrer Geschichte zu erzählen und ganz konkret zu machen, wie sie von der Förderung profitieren. Das war wirklich sehr beeindruckend, und wir sind froh, hierzu einen bescheidenen Beitrag leisten zu können!  

Am nächsten Tag geht es sofort in die Wanderschuhe – nach einer gut dreistündigen Busfahrt Richtung Süden erreichen wir das abgelegene Zagoria-Tal. In Peshtan steigen wir aus, um für die folgenden vier Tage ausschließlich zu Fuß unterwegs zu sein. Ganz schnell tauchen wir ein in das wilde und ursprüngliche Tal, in dem nur noch wenige Menschen leben. Wir treffen auf Pferde, Esel, Schafe und Rinder, die frei im Tal grasen, aber nur einen Menschen, der zum Glück passend zur Mittagszeit sein kleines Anwesen für uns öffnet. Bald danach heißt es, einen frischen Felsrutsch zu queren – das ist herausfordernd und aufregend, aber wir bewältigen die schwierige Stelle ohne Verluste. Bevor der lange, steile und im Wortsinn atemberaubende Aufstieg nach Limar die Tagesstrecke beschließt, überqueren wir eine erste osmanische Steinbrücke und damit den Zagoria-Fluss, dem wir in den folgenden Tagen auf der östlichen Seite weiter folgen.

Am Abend machen wir erstmals Bekanntschaft mit der sprichwörtlichen und tief in der albanischen Lebensweise verwurzelten Tugend der Gastfreundschaft – im ersten der drei Dörfer im Zagoria-Tal, in dem kaum noch Menschen dauerhaft zu Hause sind. Der Trekking-Tourismus entwickelt sich hier zum Instrument gegen die Abwanderung. In Limar wohnen wir im Gästehaus des Dorfschullehrers, dessen Schule wir am nächsten Morgen besuchen: seit einigen Monaten geschlossen, da es keine Kinder mehr gibt im Dorf.

So geht es an den nächsten Tagen weiter: Immer wieder kommen wir in nur noch spärlich bewohnte Dörfer, finden zu einer Kaffeepause, zum Mittagessen oder für eine Übernachtung Menschen vor, die sich spürbar über unseren Besuch freuen und ihre Gärten und Häuser öffnen. Was uns angeboten wird, ist reichhaltig und schmeckt exzellent - einfache, ehrliche Speisen, selbst hergestellt aus dem, was Garten, Felder und Tiere bieten. Die Unterkünfte sind, das kann nicht anders sein, sehr einfach, aber immer warm und blitzsauber.

Ein Highlight ist die Kirche der Hl. Apostel in Hoshteve, die zu den „Culture Monuments“ des Landes zählt: Von außen ganz einfach, wenn auch ganz schön groß für ein so kleines Dorf – von innen ein Kleinod, komplett mit Fresken ausgemalt, gestattet sie sogar einen Blick hinter die Ikonostase. Und dann natürlich die Brücke von Nivan, ein weiteres Zeugnis der osmanischen Zeit: wunderschön in ihrer rauen Materialität und der harmonischen, perfekten Formgebung.

Diese ersten vier Tage finden ihren Abschluss und Höhepunkt mit dem langen Weg über den Dhembeli-Pass: zunächst 600 Höhenmeter bergauf, dann 1300 Höhenmeter bergab nach Permet, wo wieder ein „richtiges“ Hotel auf uns wartet. Wobei zwar die Duschen komfortabler sind, die Atmosphäre aber nicht mithalten kann mit den Gästehäusern im Zagoria-Tal!

Von Permet aus geht es etwas „touristischer“ weiter: Wir besuchen die Thermalquellen von Benje und den Lengarica-Canyon, danach geht es mit dem Bus weiter Richtung Süden in die UNESCO Welterbestadt Gjirokastra. Wir besichtigen die Burg und die Altstadt und kämpfen uns durch Schwärme von modernen „Kreuzfahrern“ (also Reisenden, die täglich in Sarande von Kreuzfahrtschiffen zum Landausflug geschickt werden). Bis hierher ist das Wetter strahlend schön, was sich leider ändert, je näher wir der Küste kommen. Beim Abstieg von Lukova zum Strand von Piqeras werden wir so richtig  nass – was lustig ist und auch nicht am Baden  hindert, aber den erhofften Chillout-Tag am Strand etwas beeinträchtigt. Aber besser im Regen am Strand als im Regen in den Bergen!

Und schon sind wir wieder zurück in Tirana, wo ein größerer Teil der Gruppe noch einen Tag dranhängt. Da wagen wir einen Blick auf die jüngere albanische Geschichte: im beeindruckenden Museum Bunk’art 2, das sich in einem ehemaligen Atomschutzbunker der Zeit unter dem Terrorregime des Diktators Enver Hoxha widmet, und – die Kehrseite derselben Medaille – im ehemaligen „Bonzen-Viertel“ Blloku mit der Villa des Diktators, heute Kulturzentrum, wo gerade ein modernes Tanzfestival (!) stattfindet. Vielleicht darf man das so verstehen: Auch die Zeit der Diktatur geht irgendwann zu Ende, so sehr sie dies zu verhindern sucht, und Lebendigkeit, Kreativität und Menschlichkeit erobern sich das Land zurück.

Das war eine richtig bereichernde Reise nach Albanien. Nicht nur die schöne, mitunter atemberaubende Landschaft, das Ursprüngliche und im Wortsinn Eigen-artige haben uns fasziniert, auch die besondere Herzlichkeit der Menschen und ihre Gastfreundschaft sind ein Geschenk. Deshalb, noch einmal und sehr dezidiert: faleminderit, Shqipëria!


Und weiter geht es zu den Teilnehmerstimmen! Die Bildergalerie lässt noch ein wenig auf sich warten ...

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