Mongolei

„Egal, in welche Richtung du guckst, es sieht immer aus wie ein Gemälde!“ Besser kann man es wohl nicht sagen. Was einer der Reiseteilnehmer da staunend aussprach, ist für mich DER Satz über die Mongolei. Schwierig wird es, es genauer zu beschreiben … ich will es dennoch versuchen. Es werden wie immer nur Schlaglichter sein können.

Noch nie waren wir so weit weg mit den Wüstenwanderern, noch nie so weit im Osten, noch nie in Zentralasien. Auf eine „andere Welt“ konnte man sich also einstellen – aber wie würde sie denn sein, diese andere Welt?

Der Landschaft gehört vor allem das Etikett „Weite“, aber auch Harmonie, Stille, Kargheit – und das trotz saftigem Grün (fast) überall, Unmengen von Blumen und Tieren. Letztere, egal ob Wild- oder Nutztiere, laufen überall in großer Zahl einfach frei herum. Das erfordert nicht nur umsichtiges Autofahren, sondern lässt auch die wenigen Ackerflächen, die es gibt, nur geschützt durch einen Zaun überdauern. Unser Blick ist genau ans Gegenteil gewöhnt, eingezäunte Tiere und offene Felder: einmal mehr Infragestellung dessen, was man so als „normal“ empfindet. Und diese einfach überwältigende Schönheit! Worte können das am Ende ebenso wenig beschreiben wie Fotos die Wirkung eines 360°-Rundumblicks wiedergeben.

Die Menschen: Es ist wie überall auf der Welt, wo wir mit den Menschen vor Ort in Kontakt gekommen sind, gleich ob in Marokko, Jordanien oder Äthiopien – Freundlichkeit, Offenheit, Gastfreundschaft. Vollkommen wurscht, was es zu teilen gab, es wurde geteilt, und wenn es ein Dach über dem Kopf war für 14 Wanderer, von einem Regenguss überrascht, für die gute Stunde, bis das Wetter sich verzogen hatte. Wohlgemerkt: das Dach einer Jurte war das, mit etwa 5 m Durchmesser, also ungefähr 20 qm, in der wir alle zusammen freundlich aufgenommen und auch noch mit Suutei Tsai (Tee mit Milch und Salz) und Gebäck bewirtet wurden. Fast niemand auf dem Land spricht Englisch, alles geht mit Händen und Füßen, mit viel Neugier im Blick und immer einem freundlichen Lächeln.

Die Kultur: so fremdartig mit ihrer gutturalen Sprache, in der wir keinerlei Anhaltspunkt zur Orientierung finden. Dennoch mag es kein Zufall sein, was so ziemlich das einzige Wort war, das wir uns merken und mit der Zeit zumindest so aussprechen konnten, dass unsere Gegenüber es zu verstehen schienen: beiredlá (mit heftig gerolltem R und viel Energie in der Aussprache!) – DANKE. So fremdartig mit ihren Regeln, die Temka, unser junger Guide, uns zu Beginn freundlich, aber bestimmt beizubringen weiß: Wenn du einen Raum betrittst, berühre nie die Schwelle. Geh nie in der Mitte zwischen den Tragehölzern der Jurte durch - sie symbolisieren die Einheit von Mann und Frau, und die soll nicht gestört werden. Geh immer um sie herum, im Uhrzeigersinn wie auch um alles andere, was du umrundest. Wasch dich nie in einem Fluss oder See – du darfst darin baden und dein Waschwasser entnehmen, aber der Fluss darf nicht verunreinigt werden, denn er ist heilig. Wenn du an einer Stupa vorbeikommst, grüße die Götter (was ein vorbeifahrender Jeep z.B. mit dreimaligem Hupen absolviert). Ein Fohlen mit einem blauen Band um den Hals, in einer freilaufenden Herde irgendwo im Nirgendwo: Das Band ist Zeichen dafür, dass es heiliggesprochen wurde und niemals in seinem Leben vom Menschen genutzt werden wird, nicht zum Reiten, nicht zum Transport, nicht für die Milchgewinnung. Nur wenige Beispiele sind das für ein ganz eigenes Verhältnis zur Welt, das wir anfanghaft kennen lernen konnten und das zu denken gibt.

Das Leben der Nomaden, so reduziert auf das Nötige. Wer immer wieder einpackt und mitnimmt, was er zum Leben braucht, wird so vieles kaum vermissen, von dem wir meinen, es ginge nicht ohne. Wir haben gefragt: Nur ungefähr eine halbe Stunde braucht es, bis die Jurte aufgebaut ist. Leider gab es keine Gelegenheit, dabei einmal Zaungast zu sein. Dennoch, wir sind im 21. Jahrhundert und so hat jede Jurte ihr Solarmodul für den Strom, eine Satellitenschüssel fürs Fernsehen, die Bewohner ein Auto oder doch wenigstens ein Motorrad für die weiten Wege und ein Smartphone für den Kontakt in die weite Welt. Die entscheidende Größe ist die Familie – und so war klar, dass wir, als wir in der Nähe der Sommerweide der Familie zweier unserer Fahrer vorbeikamen, dort einen Besuch machen mussten: Vier Jurten nah beieinander (ein „Ail“) mit einer alten Frau, mehreren Männern und Frauen mittleren Alters und einer ganzen Horde Kinder begrüßten uns und wollten uns schier nicht weiterziehen lassen. Und dann die Hunde: Überall sahen sie sich ähnlich, groß und mit dickem Fell, das von den kalten Wintern erzählt, überall waren sie zutraulich und anhänglich, oft mit leichten Verletzungen. Sie verscheuchten nachts die Yaks, die unseren Zelten zu nahe kamen und uns mit ihrem lustigen Grunzen um den Schlaf brachten, sie folgten uns – einer von ihnen drei Tage lang, bis er sich doch entschloss, bei einem Ail zu bleiben, an dem wir vorbeizogen.

15 Tage waren wir unterwegs und haben insgesamt 16.504 km zurückgelegt - geflogen, gefahren, gegangen. 1271 km im Land selbst und an 7 Wandertagen genau 99 km davon zu Fuß. Der Trekkingstart lag bei gut 2000 m ü.NN, dann ging es rauf bis 2572 m - mit mäßigen Steigungen und Abstiegen, trotz der Höhenlage eher mit dem Eindruck, sich in einem Mittelgebirge zu befinden: ein moderates Programm also, im wahrsten Sinn des Wortes Genusswandern. Wo genau dieses "In-the-middle-of nowhere" zu finden ist: hier!

„Be prepared for everything!“ Diese Devise hatte Theo im Vorfeld ausgegeben, als er nach dem zu erwartenden Wetter gefragt wurde. Dieser Satz hätte auch über diesem Bericht stehen können, denn das war es: Das Wetter zeigte jeden Tag die verschiedensten Gesichter, von brennender Sonne über Sturm mit Hagel bis zu verschneiten Gipfeln danach, von brütender Hitze bis Raureif am Morgen. Ganz zu schweigen von diesen perfekten Regenbögen - geschlossen, doppelt,  nicht nur an einem Tag! Aber so war es auch mit der ganzen Reise. Be prepared for everything: Gehst du in so eine fremde Welt, kann dir alles Mögliche blühen. Und du hast keine Ahnung, was das ist, alles Mögliche. Natürlich kann man sich darauf nicht wirklich vorbereiten. Aber man kann es erleben, mit allen Sinnen. Welch ein Geschenk!


Zu den Teilnehmerstimmen über diese Reise geht es hier.

 

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