Marokko

Wir waren vier Mal in Marokko - hier die Reiseberichte von 2013 - 2014 - 2015 - 2018.


Jebel Bani und Erg Chegaga im März und April 2018

Marokko – nach drei Jahren Pause wieder, und das gleich zweimal! Es sind insgesamt 40 Wüstenwanderer, die in zwei Gruppen hintereinander ihren Weg durch die Wüste des Jebel Bani und die beeindruckende Dünenwelt im äußersten Südosten des Landes gehen: jeweils knapp 120 km in sieben Tagen, das ist halb so flott wie die Teilnehmer des Marathon des Sables, deren Strecke aus einem der Vorjahre wir teilweise folgen. Immerhin!

Zwei sehr unterschiedliche Gruppen sind es, die sich da zusammengefunden haben, und beide sind lebendig, fröhlich, neugierig, hilfsbereit und halten zusammen, wenn es drauf ankommt. Beide tragen mit, wenn es dem einen oder der anderen mal nicht so gut geht, achten aufeinander und verlieren nie, wirklich nie ihren Humor. Es ist eine große Freude, mit solchen Menschen unterwegs zu sein.

Aber es ist auch eine große Freude, wieder mit Hassan und seinen Leuten zu reisen. Das Maß an Kooperationsbereitschaft, Kommunikationsfähigkeit, Einfühlungsvermögen, Zuverlässigkeit und Interesse, das wir hier erleben, ist wirklich einzigartig. Für Theo und mich als Reiseleiter klappt die Zusammenarbeit mit ihm auf Augenhöhe, das ist überhaupt nicht selbstverständlich und unglaublich entspannt.

Und die Wüste? Sie ist wirklich „der Hammer“! Die Sanddünen, die sich jedes Kind vorstellt, wenn das Wort Wüste fällt, sie sind tatsächlich genau so – endlos weit, wunderschön, still und einsam, atemberaubend. Am Abend noch eine Weile allein auf so einer Düne sitzen, im warmen Sand, und die Sonne untergehen, den Mond aufsteigen sehen, das ist schon ein ganz besonderes Erlebnis, eigentlich nicht in Worte zu fassen. Da wehen auch schon mal – von einer anderen Düne, ein Stück entfernt, kommend – Töne von „Großer Gott, wir loben dich“ herüber, und wenig später kommentiert die Sängerin: Mir ist nichts eingefallen, was meine Seelenlage in dem Moment besser hätte ausdrücken können. Ja, so ist das.

Sie sind aber auch ganz schön mühsam, diese Dünen. Rauf und runter, rauf und runter, im mal festen, aber auch gelegentlich knietiefen Sand, jedes Stück freie Haut wie sandgestrahlt, wenn der Wind zwischendurch mal Fahrt aufnimmt. Dafür, dass wir bei dieser Tour keine Höhenmeter machen, machen wir ganz schön viele Höhenmeter!, meint einer der Wanderer schnaufend … aber schön ist es, trotz allem.

Bevor es in die Dünen geht, erleben wir gut zwei Tage lang Steinwüste – und damit die Form, die bei weitem den Löwenanteil aller Wüstenarten der Welt für sich beansprucht – und den allmählichen Übergang in die Sandwüste. Es ist faszinierend wahrzunehmen, wie das erst ganz langsam geht und dann eine große Oase deutlich den Punkt markiert, wo die Landschaft wechselt.

In einer Nacht gibt es einen Sandsturm – unsere Berber nennen es „etwas Wind“. Für unseren Geschmack tobt es jedoch völlig ausreichend, und die am Morgen im doppelt verschlossenen Zelt vorgefundenen Sandmengen sprechen ihre eigene Sprache. Hier wird deutlich, wieder einmal, wie bedrohlich diese Umgebung auch sein kann, wie unheimlich, und dass wir hier ganz und gar nicht zu Hause sind. Dass wir uns dennoch wohl und geborgen fühlen, verdanken wir unserer Crew, die uns nicht nur wie gewohnt perfekt kulinarisch verwöhnt, sondern uns auch, wie wir immer wieder staunend erleben, jeden Wunsch von den Augen abliest. Es ist noch nicht entschieden, ob der Obstsalat mit Avocado den ersten Preis in der Publikumsgunst bekommt oder doch das in Sand und glühender Asche gebackene Brot …

Eine Spezialität bei dieser Tour ist die tierische Begleitung – zum ersten Mal seit 2006 sind wir wieder mit Kamelen unterwegs . Das ist nicht nur exotisch und aufregend – zumindest dann, wenn das riesige Tier schon aufzustehen geruht, obwohl ich erst mit einem Fuß im „Sattel“ bin! - sondern auch sehr beeindruckend. Diese Tiere strahlen Ruhe und Gelassenheit aus, einfach Leben im Hier und Jetzt. Das berührt uns sehr und tut gut. Eine der Mitreisenden beginnt von einer Kamelfarm im Kölner Großraum zu träumen, inklusive Kamelreiten rund um den Dom für Kölner und Touristen, Dreigestirn und Heilige Könige, vielleicht auch für den Erzbischof?!

Nein, auch nach über drei Wochen Wüstenwanderei am Stück hab ich nicht genug – und auch wenn es in Zukunft für mich nicht wieder zwei Touren hintereinander geben kann, bin ich doch gespannt, was uns für 2019 einfallen wird!


Jebel Saghro / Jebel M'Goun im März 2015

Zum dritten Mal in Folge Marokko – da muss ein Land schon etwas zu bieten haben! Und so ist es, wir werden nicht enttäuscht. Diesmal sehr früh im Jahr, schon im März sind wir unterwegs, und das merken wir: kalt ist es. Wir erleben Schnee, nicht nur in Form vom Winter übriggebliebener Schneefelder hoch oben im Jebel Saghro, sondern auch ganz frisch im Hohen Atlas. Wären wir an dem Tag, an dem wir den ersten Wüstenwanderer-Regen der Geschichte erlebt haben, nur ein paar Höhenmeter weiter oben gewesen, wären wir in ein richtiges Schneegestöber geraten. Dass uns das erspart blieb, ist ganz okay …

Das Programm hat zwei Teile – zuerst die Süd-Nord-Durchquerung des Jebel Saghro, dann einen „Switch-Tag“ im Dadès-Tal und schließlich eine Rundwanderung von und nach Boutaghrar im M'Goun-Tal (Hoher Atlas). Beide Teile führen uns durchs Gebirge, und doch ist der Charakter deutlich unterschiedlich.

Der Jebel Saghro, ein Gebirgszug südlich vom und parallel zum Hohen Atlas, bildet die letzte Barriere zur Sahara hin, und diesen Zwischenstatus kann man sehen: es ist deutlich wüstenwartiger als die Strecke im Anti-Atlas im letzten Jahr, mit Tafelbergen und vulkanischen Massiven in den abenteuerlichsten Formen. Eine wirklich sehr beeindruckende Landschaft, fast menschenleer und mit immer wieder atemberaubenden Ausblicken. Dabei überzieht das ganze Land ein hellgrüner Flaum und überall blüht es – so ist das, für kurze Zeit, nach einem wasserreichen Winter wie dem letzten. Wunderschön! Das Highlight, natürlich, sind Ali, seine Frau und seine Kinder – und hier sprechen wir nicht von einer freundlichen Berberfamilie, sondern davon, was der Sage nach ihr Schicksal war: wie unser lokaler Guide Mohamed uns erzählt, war eine Berberfamilie zum Picknick hier unterwegs, und nachdem sie satt waren, warfen sie voller Übermut mit Brotresten um sich. Dieser ungehörige Umgang mit den Gaben der Erde erzürnte Allah, und zur Strafe ließ er sie zu Stein erstarren … wie spektakulär dies anzusehen ist, lässt sich in der Bildergalerie nachvollziehen.

Spektakulär auch der Gang durch ein wasserführendes Wadi – nicht mit warmem Wasser wie damals in Jordanien, sondern ganz schön kalt, so dass sich die ungewöhnliche Idee einer Mitreisenden, ihre Surfschuhe als "Socken" in den Trekkingsandalen zu tragen, als ausgesprochen klug herausstellt. Und dann die Besteigung des Jebel Kouaouch, zweithöchster Gipfel im Jebel Saghro-Gebirge (2592 m) – als solche nicht so aufregend und anstrengend wie am Jebel Siroua in den letzten beiden Jahren, aber dennoch mit Alleinstellungsmerkmal: zum ersten Mal in der Wüstenwanderer-Geschichte gilt es ein Schneefeld zu durchqueren! Überhaupt, nach den ersten beiden angenehm warmen Tagen wird es jetzt kalt, und am nächsten Morgen ist der kleine Bach, an dem wir lagern, zugefroren. Was man ebenfalls von den einigen hartgesottenen Draußen-Schläfern behaupten kann …

Der Switch-Tag im Dadès-Tal kommt wettermäßig genau zu rechten Zeit: es ist gut, ein Hotel-Dach über dem Kopf zu haben in dieser kalten und regnerischen Nacht, und auch am nächsten Tag sieht es noch nicht besser aus. Deshalb ändern wir unsere Pläne für den Hohen Atlas, was uns ermöglicht, eine weitere Nacht in einem Gite d'étape zu verbringen. Darunter stelle man sich ein einfaches Haus vor mit mehreren Räumen rund um einen Innenhof herum, einer mit Sitzmöbeln als Speiseraum gedacht, die anderen als Matratzenlager, dazu eine einfache Küche und ebensolche sanitäre Anlagen. Wie froh sind wir über diese Möglichkeit, denn die Alternative hätte geheißen: kalt und nass im Zelt … denn nass sind wir an diesem Tag geworden – auch das eine Wüstenwanderer-Premiere. Als wir wie die begossenen Pudel auf einem Dorfplatz irgendwo im Hohen Atlas ankommen und Mohamed den erstbesten Dorfbewohner nach einer Möglichkeit fragt, im Trockenen auf unsere Busse zu warten, erleben wir das Paradebeispiel für Berber-Gastfreundschaft: Nass und dreckig, wie wir sind, werden wir ins Dorfgemeinschaftshaus gebeten, dürfen auf Teppichen und Kissen ausruhen, bekommen heißen Tee und Süßes serviert und dürfen bleiben, bis die Busse da sind. Beim Abschied fragen wir vorsichtig, was wir dankend tun können – wir ahnen ja schon, dass sie kein Geld haben wollen – und die Antwort lautet: „Wenn ihr zu Hause von uns und unserer Gastfreundschaft erzählt und von unserem wunderschönen, friedlichen Land – vor allem denen, die so viel Angst vor den Muslimen haben - , dann ist das der beste Dank, den ihr uns erweisen könnt.“ Mich macht diese Antwort nachdenklich, zeigt sie doch, wie diese Menschen noch einmal ganz anders als wir und unmittelbar von den aktuellen Entwicklungen betroffen sind. Gern will ich ihrer Bitte nachkommen!

Am ersten Morgen des zweiten Trekkingteils genießen wir auf dem Dach des Gites in Boutaghrar ein Naturschauspiel, das es so ähnlich schon einmal gab bei einer Wüstenwanderer-Tour: 1999 wurden wir am Ende der ersten Sinai-Wanderung Zeugen der totalen Sonnenfinsternis über Europa, die am Strand des Roten Meeres allerdings nur teilweise zu sehen war. Ich erinnere mich noch gut an die dramatische Warnung der abergläubischen Ägypter im Hotel in Nuweiba: „don't go to the beach today, it's very dangerous!“ Diesmal gab es diese Sorge nicht, und die mitgebrachten SoFi-Brillen ermöglichten uns den direkten Blick auf das Himmelsphänomen.

Dieser zweite Teil des Trekkings erhält sein besonderes Gepräge durch den Fluss M'Goun, der uns die meiste Zeit begleitet. Sehr interessant: die Besichtigung einer Kasbah, wo anschaulich wird, wie die Menschen hier ihr Leben an die rauhen Bedingungen angepasst haben. Es bleibt kalt, morgens gibt es Rauhreif auf den Zelten (und den Weiterhin-unerschrocken-draußen-Schläfern) und Neuschnee auf den Bergen, und ein kalter Wind pfeift, auch wenn die Sonne scheint. Das hält uns nicht davon ab, immer wieder mal barfuß durchs Wasser zu gehen – was soll man auch tun, wenn es nicht anders geht!? Und es macht Spaß, vor allem am letzten Tag, wo wir innerhalb von knapp 3 Stunden nicht weniger als sieben Mal den Fluss queren müssen, was wegen der starken Strömung nur in einer gut verbundenen Menschenkette möglich ist. Das ist kalt – gerade für uns kurz Geratene, mir geht das Wasser mitunter bis zum Po – aber es ist klasse. Und es lässt ganz unmittelbar erfahren, dass man mitunter im Leben den Kräften, die an einem zerren, nur widerstehen kann, wenn man sich zusammenschließt und gegenseitig Halt gibt … Management-Training in Marokko!

Die meiste Zeit allerdings überqueren wir den Fluss auf den dort üblichen Brücken: ein längs halbierter Pappelstamm, quer über den Fluss gelegt und am Ufer gut verankert, das reicht … den Berbern! Was uralte Männer mit Krückstock, Frauen mit großen Wäschebündeln auf dem Rücken und kleine Kinder spielend und sicher bewältigen, ist für uns jedesmal eine Zitterpartie, für die viele von uns immer wieder Mohameds Hilfe in Anspruch nehmen. Einmal muss es dann doch passieren: Gleich zwei unserer „starken Männer“ landen unmittelbar nacheinander im Fluss und müssen im Anschluss mehr oder weniger nass weiter laufen (auch das: ganz schön kalt!). Wer jetzt noch auf der anderen Seite wartet – und das ist der Großteil der Gruppe – steckt seine (oder ihre) ganze Kreativität in die Erfindung unterschiedlichster Arten, diese Baum-Brücke sicher zu bewältigen. Auch das ist in der Bildergalerie zu bestaunen!

Den Abschluss findet dieses wieder einzigartige Wüstenwanderer-Abenteuer in der Oase Fint südlich von Ouarzazate, wo wir die letzte Nacht in einem sehr schönen kleinen Hotel inmitten Tausender Dattelpalmen verbringen. Hier hätten wir es auch noch ein bisschen länger ausgehalten …


Anti-Atlas im Juni 2014

Zum zweiten Mal gibt es dieses Jahr die Gelegenheit, ein Programm noch einmal durchzuführen – das gab es bisher nur in Jordanien. Wie damals konnten wir auf den Erfahrungen des Vorjahres aufbauen und entsprechend ein paar Feinjustierungen vornehmen. So gibt es diesmal einen Tag Marrakesch zu Beginn der Reise, solange alle noch Lust auf Besichtigungen haben, und den freien Tag am Schluss ebenfalls in dieser schönen Stadt. Der Preis für diese Verbesserung ist der Verzicht auf Skoura und den Blick nach Marokko östlich von Ouarzazate, aber das ist es uns wert.

Natürlich ist es dennoch eine Reise mit ganz eigenem Charakter, die wir dieses Jahr machen, und gefragt nach den Unterschieden, fällt mir folgendes ein:

> Wir fliegen von München, von dort gibt es einen Direktflug, was uns viel Zeit schenkt und die Gefahr des Gepäckverlusts drastisch senkt – ansonsten ist der Flughafen aber deutlich weniger günstig zu erreichen als Frankfurt, zumindest aus dem Schwäbischen. Das führt gleich zu Beginn zu ein bisschen Nervenkitzel, als wir den Anschlusszug in Plochingen verpassen und so die Zeit ganz schön knapp wird ...

> Wir reisen drei Wochen später als im Jahr als 2013, und das bedeutet: wir frieren deutlich weniger, trauen uns immer wieder nachts unters Sternenzelt (lhamdullillah!) und erleben eine Landschaft, die deutlich „wüstiger“ anmutet als letztes Jahr, nicht so grün, nicht so blühend …

> Es sind 22 Wüstenwanderer, die sich auf den Weg machen – sieben Personen weniger, das macht sich bemerkbar.

> Auch wenn wir die gleiche Trekkingroute geplant haben wie im Jahr zuvor, ist nur ein Nachtplatz genau der gleiche, der wunderschöne letzte Lagerplatz auf den Viehweiden von Aziwane. Die ersten vier Plätze liegen jedes Mal ein bisschen woanders, sind aber immer auch wunderschön.

> Und natürlich macht die neue Gruppe auch eine neue Reise, denn nichts ist so einmalig wie die jeweilige Mischung der Menschen, die sich auf den Weg machen.

In Marrakesch haben wir die Gelegenheit, einige schöne Plätze anzuschauen, bevor wir uns auf den Weg über den Hohen Atlas machen: die Madrasa Ben Youssef, die Suqs der nördlichen Medina, den Bahia-Palast und die Saadier-Gräber – das alles informativ umrahmt von Amin, dem eloquenten Stadtführer mit Aachener Akzent.

Am Tag darauf die Fahrt übers Gebirge, wiederum mit der Wanderung im Ounila-Tal und dem opulenten Mittagsmahl bei der Berberfamilie, die wir vom letzten Jahr schon kennen. Schön ist es wieder – wenn man mal davon absieht, dass ich zum guten Schluss der Strecke meinen üblichen einmaligen Fehltritt mitten ins Bachbett abliefere. Leider ist der Bach an der Stelle so tief, dass ich bis zur Hüfte im brackigen Wasser versinke, zur (Schaden-) Freude der Augenzeugen. Zum Glück gibt es in Ouarzazate noch einmal die Gelegenheit, Klamotten und Wanderschuhe zu reinigen.

In Ouarzazate bewährt sich die Entscheidung für ein anderes, sehr schönes Hotel, wo wir gern ein bisschen länger geblieben wären (und die traumhafte Regendusche genossen hätten), aber schon am nächsten Morgen geht es los: über Taznakhte, wo diesmal - Donnerstag, was unserem Samstag entspricht - reges Markttreiben herrscht, in die Gegend südlich des Jebel Siroua. Hier wartet wieder unsere Crew auf uns: vertraute Gesichter – die beiden Köche, die uns wieder erstklassig verpflegen, und die meisten der Mulitreiber sind wieder dabei. Ebenso Mohamad („Mohamad E“) als Guide, und an seiner Seite ein weiterer Mohamad – deutsch sprechender Bruder von Agenturchef Hassan. Überhaupt die Mohamads: insgesamt gibt es fünf von ihnen in unserer Crew, und immerhin drei Hassans … Kommentar des deutschsprachigen Mohamad („Mohamad G“) dazu: „Wenn du in Marokko Hilfe brauchst, ruf Mohamad – irgendeiner von ihnen wird schon in der Nähe sein ...“ Hassan, der Boss, kommt im Lauf dieses ersten Tages auch dazu und begleitet uns – er geht gern ein bisschen abseits, ist mit seinem markanten gelben Turban aber immer weithin zu sehen. Wie im letzten Jahr: sie lesen uns unsere Wünsche von den Augen ab ... jeder auf seine Weise. Eine richtig gute Truppe, unsere Berber!

Das Trekking geht gut los, diesmal nicht durch hüfthohes Getreide, dafür aber mit Mittagspause in einer imposanten, offensichtlich intensiv als Schaf- und Ziegenstall genutzten Höhle. Und am Abend kommt die erste Lagerplatz-Überraschung: nicht weit von dem Platz, an dem es letztes Jahr so windig war, nächtigen wir in der Tizlit-Schlucht, umgeben von Palmen und beeindruckenden Felsen, sehr bald beleuchtet von einem fast vollen Mond.

Auch der zweite Tag ist ganz schön anders – nicht nur weil wir am Anfang wegen des veränderten Nachtplatzes ein paar Kilometer weiter laufen. Nach der letzten Pause am „Kiosk“ im Dorf Tagouyamt gibt es keine Mittagsrast, sondern einen ausgedehnten Weg im und um das Bachbett herum, das bergauf Richtung Tizgui führt, durch Gärten und Felder, unter Walnuss- und Mandelbäumen hindurch, wunderschön, aber auch verletzungsträchtig: die beiden großen Blutergüsse, die eine Teilnehmerin sich bei einem Sturz zuzieht, werden noch einige Monate von Marokko erzählen. Dieser Weg im Tal wäre im Vorjahr nicht gangbar gewesen, weil da der Bach noch zu viel Wasser führte. Hinter Tizgui, nach dem langen Aufstieg vom Kornspeicher aus, ist an diesem Tag auch noch nicht Schluss – es geht vielmehr noch ein gutes Stück weiter bergauf, was einigen von uns ganz schön an die Kondition geht.

Und so geht es weiter – für mich immer im Wechselbad von Wiedererkennen und Neuentdecken. Wirklich richtig schön. Den Jebel Siroua bezwingen wir wieder in einer guten Teamleistung, und auch diesmal gibt es den Muli-Taxi-Service für das letzte Stück – für einen von uns, der in die Annalen der Wüstenwanderer eingehen wird: erst 11 Wochen zuvor hatte er eine heftige Knie-OP, aber auf die Tour wollte er partout nicht verzichten, und der eiserne Wille, ebensolches Training und eine gute Ausrüstung haben ihm den Weg geebnet. Unserer Hochachtung kann er nachhaltig sicher sein. Hut ab!

Die Viehweiden von Aziwane machen ihrem Namen alle Ehre: nicht nur unsere Mulis machen den Eindruck, als seien sie im Paradies gelandet, auch eine ganze Herde Rinder kommt vorbei und ein hormongesteuerter Esel lässt nichts unversucht, der unterwegs eingekauften Eseldame und ihrem Fohlen einen stürmischen Besuch abzustatten. Und erst die Töne, die er dabei von sich gibt ...

Der letzte Abend auf diesem wunderschönen Lagerplatz gehört diesmal ganz den Berbern und uns – (noch) kein Fußball-Finale in Sicht. Immerhin bekommen wir jedes einzelne der vier deutschen Tore im Auftaktspiel der WM direkt per SMS geliefert … Ein schöner Abend mit Musik und Tanz, an dem die Deutschen zu Höchstform auflaufen und definitiv nicht depressive Gesänge beitragen – auch wenn die leicht regressiven Charakter haben: „Laurentia, liebe Laurentia mein“ und „Es tanzt ein Bi-Ba-Butzelmann“ erinnern an längst vergangene Kindergartenfeste … und machen allen Beteiligten ebenso viel Spaß wie „Das Lied von der Steiermark“. So jedenfalls deutscht einer der Wüstenwanderer das Lied ein, das wir die Ehre haben, auf Berber mitzusingen: „gayama, gayama ...“, was immer das bedeutet. Auf unsere Nachfrage hin bekommen wir die mit süfisantem Lächeln vorgetragene Antwort: "... über die Liebe." Natürlich, was auch sonst.

Und dann ist es schon wieder rum, das Trekkking, wie immer zu schnell. Wir fahren zurück nach Marrakesch, und das erste, was wir bei einem Pausenstop an der Passstraße von der Fußball-WM in Brasilien zu sehen kriegen, klingt seltsam vertraut: Fußballberichterstattung des ZDF – das hätten wir hier nun wirklich nicht erwartet.

In Marrakesch genießen wir, was jedem so am liebsten ist – die einen gehen in den Hamam, die anderen hätten gern marokkanisch kochen gelernt, was aber leider nicht geklappt hat. Aber alle haben Spaß, und der krönende Abschluss ist ein festliches Abendessen im Ksar ElHamra – einer Insel aus 1001 Nacht mitten in der Medina von Marrakesch …

… und das war wieder so eine wunderbare Reise, dass wir es gar nicht erwarten können: im nächsten März geht es wieder nach Marokko, diesmal in den Südosten – in die Sahara und das Gebiet des Jebel Sarhro, natürlich wieder mit Hassan und seinen Leuten.

Im übrigen markiert diese Reise auch ein kleines Jubiläum: die 10. Wüstenwanderer-Tour – seit 1997 mit Theo und um die 200 Menschen, die unsere Leidenschaft für die Wüste ein- oder auch mehrmals geteilt haben. Danke an alle Beteiligten!


Anti-Atlas im Mai 2013

Eine Premiere: zum ersten Mal fliegen wir nicht in Richtung Südosten, sondern nach Südwesten, nach Nordwestafrika! Am östlichen Ende der Sahara waren wir schon, am westlichen noch nie – eine andere Kultur, mit Berbern statt Beduinen, mit Französisch statt Englisch. Dachten wir – und dann die Überraschung: zum ersten Mal gibt es einen einheimischen Guide mit deutschen Sprachkenntnissen, und zwar mit exzellenten! Aber der Reihe nach …

Gleich zu Beginn zwei weitere Premieren: so viele Mitreisende, nämlich 29 Menschen im Alter zwischen 29 und 72, gab es noch nie, und zum ersten Mal kommt nicht jede Tasche, die in Frankfurt eingecheckt wurde, auch auf dem Gepäckband des Zielflughafens wieder heraus. So müssen zwei Gruppenmitglieder ein paar Tage mit der bangen Frage leben, ob ihre Wanderschuhe noch bei ihnen landen, bevor das Trekking losgeht … keine komfortable Situation. Aber dank des Organisationstalents der Reiseagentur und des aufopferungsvollen Einsatzes unseres Guides Mohamad geht es noch einmal gut und ist alles am Mann, als es ernst wird.

Unser Flug führt uns mit Zwischenstopp über Casablanca nach Marrakesch, wo das "Palais des princesses" uns für eine erste Nacht aufnimmt – 1001 Nacht live! Wunderschön mitten in der Medina gelegen, ein Traum von einem Hotel in einem traditionellen Riad. Das lässt sich nicht beschreiben, den Versuch, einen Eindruck zu vermitteln, muss ich der Bildergalerie überlassen. Am nächsten Morgen gleich weiter – wie gut zu wissen, dass wir am Ende der Reise noch einmal hierher zurückkehren werden.

Der erste Tag im Land ist von der langen Fahrt nach Ouarzazate geprägt. Es sind zwar nur 200 km, aber die Fahrt dauert: die Strecke quert den Hohen Atlas und führt in endlosen Serpentinen über den Tizn-Tichka-Pass (2260 m). Auf der anderen Seite nehmen wir bald eine Abzweigung ins Ounila-Tal, und spätestens hier ist deutlich, warum wir nicht in einem großen, sondern mit 3 kleineren Bussen unterwegs sind. Hinter Telouet gibt es einen Stopp, und ab hier heißt es: laufen! Die erste kurze Wanderung, sozusagen zum Anwärmen - sie wird aber bald schon unterbrochen von einem opulenten Mittagessen im Wohnzimmer einer Berberfamilie mit jeder Menge Töchtern. Die Fahndung nach dem verlorenen Gepäck hat uns am Morgen eine ganze Menge Zeit gekostet, deshalb ist an diesem Tag der eigentliche Plan nicht mehr zu realisieren, auch das Weltkulturerbe Ait Ben Haddou, das am Weg liegt, zu besichtigen. Wir fahren also durch nach Ouarzazate und nehmen Quartier in einem Hotel, das mit dem in Marrakesch nicht mithalten kann, dennoch seinen Reiz – und einen Pool – hat.

Der zweite Tag bringt uns tatsächlich nach Ait Ben Haddou, einem alten Ksar, von Resten einer Kasbah überragt und Kulisse einer ganzen Reihe monumentaler Spielfilme. Seit 1987 auf der UNESCO-Weltkulturerbe-Liste ist diese Siedlung wirklich beeindruckend und eröffnet uns einen ersten Blick auf die traditionelle Lebensweise der Berber. Nach diesem Besuch bringen uns die Busse in die Oase Skoura, wo wir diesen Eindruck vertiefen. Hier ist die Nähe der Wüste schon gut spürbar. Zugleich machen wir Bekanntschaft mit dem Improvisationstalent der Berber: als wir ankommen, ist trotz Anmeldung offensichtlich noch niemand wirklich darauf vorbereitet, fast 40 Personen zu verköstigen – es wird um ein wenig Geduld gebeten – für uns eine schöne Gelegenheit, uns ein wenig umzuschauen und all die Bilder in uns aufzunehmen, die dieser schöne Platz uns bietet - und ruckzuck steht ein wunderbares Essen auf dem Tisch. Nach einer kurzen Wanderung durch die wirklich große Oase und einem Besuch in der wunderschönen Kasbah La Palmeraie geht es zurück nach Ouarzazate, wo wir die Kasbah Taouirt besichtigen und einen – erstaunlich gut – deutsch sprechenden Führer kennen lernen, der es faustdick hinter den Ohren hat.

Der nächste Morgen sieht uns tatsächlich alle mit unserem Gepäck versehen im Bus nach Taznakhte und weiter ins Gebiet des Jebel Siroua fahren: unser Trekking beginnt. Die Nacht hat dem Hohen Atlas ein Häubchen aus Puderzuckerschnee beschert, und wir sind froh, dass „unser“ Berg sich mit gut 3000 m begnügt, statt die 4000er-Marke zu knacken. Der kurze Zwischenstopp in Taznakhte ist nicht nur für einen letzten „richtigen“ Toilettenbesuch gut, sondern auch für Mini-Einblicke ins marokkanische Landleben mit frisch gefärbter Teppichwolle und einer Grundschulklasse, die auf die Unterrichtsstörung ebenso erfreut reagiert, wie es eine deutsche getan hätte. Wenig später treffen wir unsere Crew: zwei Köche und 18 Mulitreiber mit ebenso vielen Mulis erwarten uns im Dörfchen Skoumet, um nicht nur unser Hab und Gut, sondern auch jede Menge Zelte, Matten, Tische, Stühle (!), Töpfe, Vorräte … zu verstauen – ganz zu schweigen von einem Wasch- und zwei Toilettenzelten mitsamt „Zubehör“. Das ist Logistik vom Feinsten!

Die ersten paar Schritte sind immer besonders – noch ein bisschen eckig und ungewohnt, aber voller (Vor-) Freude und Neugier, spätestens in dem Moment gemischt mit einer Portion Skepsis, als Omar, der deutschsprachige Guide, uns zum ersten Mal in der Ferne Jebel Siroua zeigt: was, da soll ich hinlaufen und hinaufsteigen? Mit nichts als meinen eigenen Füßen? Unvorstellbar. Nur die Ruhe, das hat ja noch ein paar Tage Zeit …

Und dann beginnt, was die nächste Tage prägen wird: der Rhythmus von Gehen und Rasten, Schweigen und Gespräch, Schauen, Fotografieren, Wahrnehmen … im Wechsel von Anstrengung und Leichtfüßigkeit, Kraft und Ermüdung, Hitze und Kälte. Überhaupt das Wetter – es ist auch ganz anders als alles, was wir bisher kannten: tagsüber angenehm warm, selten heiß, und abends, nachts, morgens empfindlich kalt. Am kältesten Morgen ist die Welt von Rauhreif verzaubert und das Thermometer zeigt 0,8° C! Immerhin, alle Nachtlager bis auf eines liegen über 2000 m hoch, eines sogar auf 2650 m – da kann man alle Schichten brauchen, die man so anziehen kann, einen guten Schlafsack und ein Zelt. Dennoch gibt es einzelne ganz hart gesottene Mitreisende, die tatsächlich jede Nacht im Freien und ohne Zelt verbracht haben. Alle Achtung!

Unser Weg führt uns durch wüstenartige, menschenleere Gegenden, aber auch und viel mehr als sonst durch bewohnte Gebiete – Dörfer, Getreidefelder, Gärten. Wir begegnen Frauen auf dem Feld und Kindern auf dem Schulweg, Schaf- und Ziegenherden – aber keinem einzigen Touristen. Grün ist es in den Tälern, die Wasser führen, und überall blühen die unterschiedlichsten Blumen. Wüste? Das stellten wir uns anders vor. Aber wunderschön ist es, und wir kommen aus dem Staunen nicht heraus.

Ein besonderer Tag ist der mit „unserem“ Berg: Jebel Siroua, 3305 m hoch, als erloschener Vulkan von einem imposanten Kegel gekrönt. Ein stetiger, zunächst nicht sehr steiler Anstieg eröffnet immer wieder neue begeisternde Ausblicke, und erst die letzten Höhenmeter sind eine wirkliche Herausforderung vor allem an die Schwindelfreiheit – ein Drittel der Gruppe erspart sich dies, und damit natürlich auch den Ausblick von ganz oben. Vom Jebel Toubkal, dem mit 4167 m höchsten Berg Nordafrikas, im Norden bis weit in die Sahara geht der Blick und löst nicht nur Begeisterung aus, auch Ehrfurcht. Der Abstieg ist lang und steil, führt über Geröllfelder aus Basalt und an Schneefeldern vorbei – anstrengend, aber auch wunderschön. Am Ende profitieren drei Damen davon, dass die Berber uns wirklich jeden Wunsch von den Augen ablesen: ab da, wo Mulis wieder sicheren Tritt haben, dürfen sie reiten!

Die letzte Nacht draußen verdient eine besondere Erwähnung. In der europäischen Alltagswelt ist ChampionsLeague-Finale, und natürlich gibt es auch bei uns ein paar Fußballfans. Die ruhen nicht eher, bis Mohamad sich bereit erklärt, nach einer Möglichkeit zu suchen – und es gelingt: im nächstgelegenen Dorf mit Stromanschluss und Satellitenschüssel findet er einen Berber mit Kleinbus und der Bereitschaft, den Transport zu machen, und eine ganze Familie, die uns ihr Wohnzimmer samt Fernseher zur Verfügung stellt. Also steigt die halbe Gruppe am Abend in einen uralten Ford, um sich 1 ½ Stunden in hautnaher Enge offroad durchschütteln zu lassen, durch Bäche und an schwindelnden Abgründen vorbei. Zum Spiel gibt’s Berber-Chips und Cola, das Ergebnis stellt nur eine von uns zufrieden, und zurück geht es – dieselbe Strecke im Stockfinstern: leider wissen wir ja von den Bächen und Abgründen, auch wenn sie nicht mehr zu sehen sind … Kurz vor dem Lager kommt es, wie es kommen muss: der Bus gerät aus der Spur, und wir sitzen fest – und das kurz nach Mitternacht. Es braucht eine halbe Stunde, den Bus wieder flott zu bekommen, der Fahrer ist jedoch nicht mehr bereit, uns vollends „nach Hause“ zu bringen. Also laufen wir, 20 Minuten durch die eiskalte Nacht – jetzt endlich bewährt sich, dass die meisten von uns warm angezogen gestartet sind, ausgehend von einem Transport auf offener Pritsche. Ein ChampionsLeague-Finale, das  wohl keiner von uns je vergessen wird!

Aber auch der fußballabstinente Teil der Gruppe hat ihren Spaß an diesem Abend: unsere Berber-Crew gibt den Startschuss zu einer ausgelassenen Party, den die Daheimgebliebenen ohne Zögern aufnehmen. Am nächsten Morgen ist also von wilden Musikimprovisationen auf Töpfen, Deckeln, Kanistern und allem zu hören, was scheppert, von Tanz, Gesang und Polonaisen durch die Wüstennacht …

Jedes Wüsten-Trekking hat sein Ende, auch dies immer ein besonderes Gefühl, gemischt aus Wehmut, Abschiedsschmerz und Vorfreude auf die Annehmlichkeiten der Zivilisation. Wir treffen im Dorf Amassine wieder auf unsere Busse, ruckzuck ist alles eingeladen, ein letzter Abschiedsgruß an unsere – wirklich perfekte – Crew, und los geht es wieder Richtung Marrakesch.

Der letzte Tag lässt uns noch ein wenig von dieser schönen Stadt sehen – nach einer kurzen Führung durch die Medina am Morgen gehen die Wüstenwanderer ihrer Wege, und die Fotos, die hier entstehen, zeigen, wie unterschiedlich diese Wege sind. Der letzte Abend gehört dem Jemaa el Fna, dem zentralen Platz Marrakeschs, wo wir in einer der berühmten Garküchen das Abendessen einnehmen. Hier tobt das Leben, und das bis spät in die Nacht – wirklich ein Erlebnis wert.

Und damit ist sie schon wieder zu Ende, die erste Reise ins Traumland Marokko, das seinem Ruf wirklich gerecht geworden ist. Es war wunderschön – so schön, dass ich alle vorhandenen Vorsätze über Bord werfe, erst in zwei Jahren wieder eine Reise zu organisieren. Nein, diese Tour ruft nach einer Neuauflage, und ich werde mein Bestes geben, diesen Impuls im nächsten Jahr zu realisieren ... ganz zu schweigen von einem neuen Marokko-Programm für 2015!

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